Die Riten der Wüste

Von Xue Mo (Autor/in)., Peter Kolb (Übersetzer/in). | Gebundene Ausgabe | 592 Seiten | Erschienen: 05. 10. 2020 | ISBN: 9783903071650 | 1.Auflage

Im ersten Teil seiner Wüsten-Trilogie erzählt der Autor Xue Mo von Laoshun, einem Falkner, der mit seiner Frau und den vier Kindern am Rande der Tengger-Wüste in der Provinz Gansu, im Nordwesten der Volksrepublik China lebt. Auf eindringliche Weise lässt uns der Autor an dem alltäglichen Leben der Landbevölkerung in einem Teil Chinas teilhaben, der im auffälligen Gegensatz zu dem pulsierenden und von materialistischem Streben gekennzeichneten Leben der Großstädte steht.

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Mitwirkend Xue Mo
Peter Kolb
VerlagBacopa Verlag
ISBN9783903071650
Illustrationen Anzahl30
Sprache(n) Deutsch
Seitenzahl592
Erscheinungsdatum2020
Auflage1. Auflage
AusführungGebundene Ausgabe

Bibliographie

Der Leser lernt eine zunächst fremde Welt kennen, bei der selbst eine Busfahrt in die Stadt zu einem Weltenwechsel wird. An der Hand der Protagonisten begibt er sich auf den Weg ins Herz der Wüste. So, wie uns diese Landschaft gleichermaßen als faszinierend wie auch illusionsschwanger entgegentritt, ist sie gleichsam ein Sinnbild für die Extreme im Leben der einfachen Landbevölkerung.
Wir dringen ein in ein patriarchalisches Familiensystem, in dem das Verhaftetsein an starre Konventionen mitunter unmenschliche Züge erfährt. Ein System, in dem der Mann als Stammhalter und Oberhaupt der Familie der Frau als Bindeglied und soziales Gewissen mitunter hilflos gegenübersteht. So werden wir vertraut gemacht mit schamanischen Ritualen, die auf eine so selbstverständliche Art ihren Platz im Alltag der Dorfbevölkerung einnehmen, dass wir den Zeremonien augenreibend beiwohnen. Bei all den Nöten und Zwängen, denen die Figuren dieses Romans ausgesetzt sind, begegnen sie der Zukunft doch auch mit einer kindlich erscheinenden Unbekümmertheit, die nur im scheinbaren Kontrast zu ihren nachvollziehbaren Zukunftsängsten steht. In dem Prozess der Auseinandersetzung mit der Unerbittlichkeit ihres Alltagslebens verbindet sie am Ende doch dies: Eine unbedingte Hoffnung.
Übersetzung: Peter Kolb

REZENSIONEN

Prof. Dr. Wolfgang Kubin in der FAZ, 30. Jänner 2021

Vom Los der Frauen. Xue Mos China-Roman "Die Riten der Wüste"

Wer heute über China spricht, redet meist als eine studierte Person. Gegenstand sind ebenfalls Studierte und die glitzernden Städte, in welchen diese leben und agieren. Falls sie das Sagen haben, verkünden sie in Peking Harmonie und das kommende Paradies für das gesamte Land. Manch Gutes ist da bereits geschehen, doch immer noch ist da eine andere Welt, die unaufgeklärte der Bauernschaft, die es so nach dem Selbstverständnis der Partei seit 1949 gar nicht mehr geben dürfte.

Der Erzähler Xue Mo (die chinesische Schreibzunft liebt Pseudonyme) entführt uns in eine Gegenwelt. Eigentlich bedeutet Marxismus Aufklärung, aber er scheint überall einen Rest an Aberglauben hinterlassen zu haben, der mal mit Schamanismus, mal mit Taoismus, mal mit Konfuzianismus getadelt wird. Der Autor ist in Liangzhou geboren, eigentlich im heutigen Wuwei, einer alten Stadt an der Seidenstraße der Provinz Gansu. Dieser Ort am Rande der Wüste im Nordwesten von China ist sein Gegenstand. Er wählt für sich das schwierigste Genre, den langen Roman, der kaum noch beherrschbar erscheint.

Das Erzählen beginnt stark. Es konzentriert sich auf eine Familie mit vier Kindern. Da fragt sich die Leserschaft, wie vier Kinder möglich sein sollen. Zu Recht. Der Roman erwähnt zwar die Jahre 1958 und 1960, als die Hungersnot am größten war, ansonsten aber spielt alles in einem zeitlosen Raum. Man kann vermuten, gemeint sind die 80er Jahre, doch mag der Erzähler durchaus dem Prinzip von Zeitlosigkeit verpflichtet zu sein. Denn er ist Buddhist. Auf der Frankfurter Buchmesse von 2019 habe ich mich mit ihm zwei Stunden lang vor einem großen Publikum über Laotse unterhalten können. Der Taoismus vertritt eben auch seine Art der Zeitlosigkeit alles menschlichen Geschehens: Es ist immer so.

Doch gefällt uns aufgeklärten Menschen dieses? Der Taoismus ist eigentlich ein Befürworter des Weiblichen, der Buddhismus nicht unbedingt unähnlich. Und damit kommen wir in die Problematik des Romans. Zunächst: Die beginnt stark mit der Falknerei einer Familie. Die Jagd auf Kaninchen wird zur Frage nach Tod und Vergeltung. Doch der Raubvogel wird erst kurz gegen Schluss wieder erwähnt. Der Strang scheint sich zu verlieren, wie auch der eine und andere Strang (Tod einer Tochter in der Wüste, außereheliche Schwangerschaft).

Beherrschendes Thema sind wohl weniger die blanke Armut und die tägliche Not der Landbevölkerung als der Schamanismus und das damit verbundene Los der Frauen. Frau und Tier bilden nach herkömmlicher Auffassung eine Einheit. Noch heute können wir in China Männer behaupten hören, Frauen sind keine Menschen. Dem Roman zufolge sind sie Füchse oder Hunde. Auch gut mag der Mann als Tierliebhaber meinen, wenn er bedenkt, was ansonsten vertreten wird: Frauen seien Wesen mit langem Haar und kurzem Verstand. Doch all dies kommt nicht aus dem Munde des Erzählers, sondern entspringt dem Herzen nicht nur der Bauern.

Frauen werden gekauft und verkauft. Das kann heute selbst in Peking noch der Fall sein, wie mir jüngst eine Hausangestellte erzählte, die zwecks Hochzeit ihres Bruders für dreitausend Yuan (ca. 400 Euro) angeboten wurde.

Die Stärke des Romans liegt in seiner Offenheit: Der Erzähler verurteilt nicht, er schildert. Die Männer sind genauso geknechtet wie die Frauen. Grund ist der immer noch herrschende Ahnenkult, der einen Sohn verlangt und diesem alles abverlangt, damit die Opfer an den Schreinen gewährleistet sind. Doch die Frauen, obwohl immer wieder verprügelt, sind alles andere als Schwächlinge, sie gelten als Männer-Diebe, denn nachts holen sie sich ins Bett, wonach ihnen der Sinn steht.

Der Roman besticht in deutscher Übersetzung. Er ist keine leichte Kost, doch wer das „unstudierte“ China kennenlernen will, sollte hier beginnen.

 

Prof. Dr. Gerd Kaminski

Mit Xue Mo „Die Riten der Wüste“ ist gerade ein besonders lesenswertes Buch im BACOPA Verlag erschienen. Walter Fehlingers Geschick und Verdienst ist es, abseits der Trampelpfade von Übersetzungen chinesischer Literatur Bücher herauszubringen, welche dem Leser Neues und Unbekanntes über China vermitteln. Dafür wurde er 2019 mit der selten vergebenen Arthur von Rosthorn Medaille ausgezeichnet. Nachdem er mit Hai Raos Roman „Guten Morgen Chongqing!“ die LeserInnen mit den Nöten und Entfremdungsproblemen von Bauern am Rande einer Mega City bekannt gemacht hat, entführt er uns nun in eine archaische Welt von Bauern, Kräutersammlern und Jägern am Rande der Wüste. Xue Mo, Jahrgang 1963, wurde in Liangzhou, der Gegend, welche er beschreibt, geboren und ist daher ein authentischer zupackender Erzähler. Er wurde in China mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet. Sein kundiger Übersetzer Peter Kolb studierte beim bedeutendsten deutschen Sinologen Wolfgang Kubin und hat sich einfühlsam Xues Text zu eigen gemacht.

Ein Buch, das längst auf deutsch erscheinen hätte sollen! Walter Fehlinger, danke!

Liest man Xue Mos Werk, welches offensichtlich auch autobiographische Züge hat, so beschreibt einem das Gefühl, dass diese Gegend und ihre Menschen aus der Zeit gefallen sind. In seinem Bericht des Jahres 1927 über die Bauernbewegung in Hunan prangerte Mao Zedong die Unterdrückung der armen Bauern durch eine repressive bösartige Götterwelt und den Terror der Gutsbesitzer an. Die Bauern in Liangzhou sind noch Jahrzehnte seit Gründung der Volksrepublik in mehrerlei Hinsicht Gefangene. Sie sind Gefangene ihres Aberglaubens, welcher ihnen eine Parallelwelt, fordernder, schrecklicher und boshafter Götter und Geister vorgaukelt und der schamanistischen Betrüger, welche ihnen diese Welt deuten. In diesem Zusammenhang ist ein Bild von besonderer Symbolkraft, das Xue Mo vor dem Auge des Lesers entstehen lässt: Die Mutter ruft die Dorfhexe, um mit einem magischen Ritual den krebskranken Sohn, der angeblich von seiner Frau verhext worden war, vor dem Tod zu bewahren: „ˌNehmt das herunterˈ Großmutter Qi zeigte auf ein Portrait von Mao Zedong an der Wand. ˌDas ist der Platz für die Ahnen. Mit diesem Bild dort werden sie sich nicht getrauen, zu uns zu kommen.ˈ“

Sie sind Gefangene der hartherzigen Einnehmer der (in der Zwischenzeit abgeschafften) Getreidesteuer, welche nunmehr an Stelle der Gutsbesitzer gemeinsam mit den Kadern der Wasserwerke und denen der Geburtenkontrolle die Bauern drangsalieren.
Bloß einmal stoßen sie in der Person des Bürgermeisters von Liangzhou auf einen gütigen und nicht korrupten Kader. Von diesem unerwarteten Ereignis sind sie so überwältigt, dass sie vergessen, ihr Anliegen um Reduktion der Steuer vorzubringen.

Sie sind Gefangene Jahrtausende alter archaischer Traditionen, welche den Eltern das Recht geben, ohne zu fragen, ihre Kinder zu verheiraten und auch sonst über sie nach Belieben zu verfügen. Diese ehernen überkommenen Verhaltensweisen zwingen ihnen überdies die Überzeugung auf, dass die Wahrung des Gesichtes über allen anderen sozialen Werten steht. Unter diesen Gefangenen der Tradition geht es den Frauen am schlechtesten. Mao wollte die von ihm so bezeichneten Drei eisernen Netze zerreißen, mit welchem er die Frauen gefesselt sah: des Vaters, des Ehemannes und der Schwiegermutter. Schon im Sowjetgebiet, wo er Vorsitzender war, erließ Mao Anfang der 30er Jahre Vorschriften zum Schutz der Frauen, gefolgt vom Ehegesetz 1950 und dessen späteren Novellen. Doch Xue Mo zeigt, dass diese Netze in Liangzhou nicht zerrissen worden sind. Er benützt dazu einschlägige Sprüche und Begebenheiten. „Frauen werden geboren, um zu leiden.“ „ˌMan muss gegenseitig Gefühle füreinander habenˈ meinte Huaqiu. ˌGefühle?ˈ sagte Beizhu skeptisch.

Das Herz einer Frau ist wie das Herz eines Hundes. Jeder, der ihren Körper kriegt, kriegt auch ihr Herz.ˈ“ „Welcher Mann schlägt nicht seine Frau!“ Diese Selbstverständlichkeit bewirkte die perverse Dankbarkeit auf Seite der Frauen, wenn sie nicht allzu sehr geprügelt wurden: „Lanlan jedoch hatte nach dem Tod Yindis keinerlei bindende Fesseln mehr. ˌDer Nichtsnutz Baifu hatte sich nicht unter Kontrolle, wenn er beim Spielen verlor und sie schlug. Nicht so Laoshun... Wenn er seine Frau einmal schlug, so benutzte er eine Schuhsohle und schlug ihr nur auf den Hinternˈ“ „Zehn perfekte Töchter taugen weniger als ein blinder Sohn.“ Das manische Verlangen nach einem Sohn, welchem die Tradition zugrunde liegt, dass nur ein Sohn befugt ist mit seinen Ahnenopfern die Seelen der Ahnen am Leben zu erhalten und der von der Dorfhexe genährte Glaube, seine Tochter sei ein Fuchsdämon, der männlichen Nachwuchs tötet, verführten Baifu zum Mord an seiner Tochter Yindi.

Der mühsam gebaute Brunnen im Dorf stürzte nach Meinung aller deshalb ein, weil eine Frau bei den Arbeiten dabei war und so den Erdgott beleidigt hatte.
Sie sind Gefangene der Natur, welche bei aller Schönheit, welche von Xue Mo poetisch beschrieben wird, den ansässigen Bauern nur karge Kost gewährt. Ich habe die Westprovinz Gansu mehrmals bereist. Auch in den Lößbergen Gansus herrscht Armut und ich habe Dörfer angetroffen, wo es überhaupt kein Wasser gibt und man auf den seltenen Regen angewiesen ist, der in Zisternen gesammelt wird. Doch gibt es dort noch ein Minimum an Unterhaltung, wenn die Schattenspieltruppen mit ihren von Eseln getragenen Figurenkoffern einkehren. In den Dörfern nahe Liangzhous, am Rande der lebensfeindlichen Wüste, gibt es nicht einmal das, sondern man ist auf das Leibliche in seinen Grundformen beschränkt. Xue Mo weiß von der Bauernfamilie zu erzählen, wo vom Überleben einer einzigen Sau das ganze Familienglück abhängt. Er überliefert
Sprüche über das Essen wie „Ich habe gerade von einem herrlichen Schweinefuß geträumt. Er duftete fantastisch. Warum weckst du mich mitten in der Nacht?“ oder „ˌStändig sprecht ihr über Essen. Wir sind doch nicht nur zum Essen auf der Weltˈ sagte Lanlan. Darauf Laoshun:ˌSchweine brauchen sich nicht um Klamotten oder ähnliches zu sorgen. Fressen und Schlafen ist alles, was sie tun. Ich würde auch gerne als Schwein auf die Welt zurückkommen.ˈ“

Zum Leiblichen gehört in diesen seiner Grundformen auch das Sexuelle. Xue Mo schildert nicht nur lokale Verbalerotik, sondern auch kaum bemäntelte Lust und Leidenschaft innerhalb der Familien. Konfuzius kommt in den Gesprächen unter den Dorfbewohnern nur einmal vor, nämlich, dass er es wahrscheinlich mit Nanzi, der Frau seines Fürsten, getrieben hat. Zweideutigkeiten und Eindeutigkeiten gehen den Bauern, aber auch ihren Frauen flink von der Zunge. Sexuelle Freizügigkeit ist auch in Dörfern anderer chinesischer Regionen Tradition. Da staunten die puritanischen Roten Garden, als man sie 1969 aufs Land schickte. In Liangzhou mag sie noch ausgeprägter sein als in anderen Gegenden. Xue Mo schildert Koketterie zwischen Verschwägerten, die von der Schwägerin mit einem Volkslied eingefädelt wird:

Um Mitternacht sah ich den Mond den Himmel übernehmen. Die Tür zu meinem Mädchenzimmer ist halbgeöffnet. Großer Bruder*, du bist wie ein Allheilmittel.
Kleine Schwester braucht deine Medizin“

Auch unter Frauen ist man unbekümmert.
„ˌIch habe vielleicht ein loses Mundwerk, aber ich bin keuschˈ, sagte Fengxiang. ˌTagsüber schaust du deinen kleinen Schwager nicht an, aber wer sagt mir, was du nachts tust? Komm Lingguan, gib es zu! Hast du an ihren Brüsten gesaugt?ˈ“

Xue Mo ist ein Kind der Gegend. Er hat den Bauern aufs Maul geschaut und beherrscht ihre

bilderreiche Sprache. Redewendungen wie: „Diese dekadenten Beamten reißen den Leuten die Schamhaare aus und machen sich Bärte daraus“ waren mir neu.
Trotz der misslichen Lage der Bauern, welche eindrucksvoll geschildert wird, ist Xue Mos Werk keine düstere Lektüre. Sie ist mit Humor und Romantik gewürzt. Xue Mo zeigt auch die Rechtschaffenheit, die Gefühle des Mitleids und der Solidarität, welche die im Dorf trotz aller Widrigkeiten füreinander aufbringen. Solche Emotionen werden sogar dem Vater des gewalttätigen Dorftrottels gespendet. Das Buch bringt die Leser dicht heran an die Gefahren der Wüste aber auch an ihre Schönheit. Xue Mo, der neue Autor in der umfangreichen China Reihe des BACOPA Verlages malt mit bunten, manchmal grellen Farben Szenen aus einem China, von denen im Ausland kaum jemand etwas weiß.