Und mit Rädern unten dran. Mein Leben im Abriß. Band 3 - Die Berliner Jahre 1977-1985

Von Wolfgang Kubin (Autor/in). | Gebundene Ausgabe | 200 Seiten | Erscheint voraussichtlich: 15. 05. 2023 | ISBN: 9783991140399 | 1.Auflage

Der konservative und überzeugte evangelische Christ Wolfgang Kubin geht an eine Rote Universität. Nach West-Berlin, an die rote Freie Universität Berlin.

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Mitwirkend Wolfgang Kubin
VerlagBacopa Verlag
ISBN9783991140399
Illustrationen Anzahl20
Sprache(n) Deutsch
Seitenzahl200
Erscheinungsdatum2023
Auflage1. Auflage
AusführungGebundene Ausgabe

Bibliographie

Er wurde gewarnt. Dein Untergang ist vorbereitet. Doch selbst das damalige West-Deutschland wollte ihn zuvor keinesfalls. Er sei zu revolutionär! Als protestantischer Christ? Hoffentlich! Im katholischen Rheinland, seiner letzten Heimat nach dem müden Wien und dem erschlaffenden Berlin. Bonn und Wien: der tägliche Herzschmerz von: Was wollen wir in unserem Leidmut von Versagen und Schluchzen? Nur Weinen wie in Wien, der Hauptstadt der Melancholie?

Inhalt


Vorspann
Räume
Tode und Geburten
Nach Kreuzberg, nach Dahlem. Und nie mehr zurück?
Der Mehringplatz
Das Ostasiatische Seminar
Himmlische Wesen
Kinder und mehr
Das Schreiben

Nachschlag

Vorspann

Man mag es abenteuerlich finden, wenn jemand in meiner Jugend eine Autobiographie nicht auf einen einzigen Band von vielleicht tausend Seiten anlegt, sondern ihn in vier oder gar fünf Bände aufteilt. Doch wer weiß, ob ich morgen noch lebe, bevor ich die letzte Seite beendet habe? 999 Seiten wären umsonst niedergelegt. Es gäbe keine letzte Fassung, keine letzte Durchsicht vor der endgültigen Drucklegung. Das Manuskript würde verstauben, vielleicht noch von meinem Totenbett aus ins Archiv der Oklahoma University in Norman wandern. Nach hundert Jahren kämen Pilgerschaften aus China und gar aus deutschen Landen ins dortige Zentrum für die Übersetzung. Sie würden alte handgeschriebene Briefe aufstöbern und fragen, was diese mit meiner Tätigkeit als Übersetzer zu tun haben. Nun, solche Geheimnisse lüfte ich nicht, gebe lieber auf andere Art und Weise Auskunft.
    Zum einen: Wenn ich die tausend Seiten Rückblick in Portionen aufteile – und das mache ich ja -, dann gelangt wenigstens ein Teil von mir zur Nachwelt, und der Dinkelsbühler Clan wird es zufrieden sein, denn er hat ja bereits seit Jahren gebettelt, ich möge doch die Geschichte der Sippe Kubin zumindest nach 1945 schreiben. So sind bereits zwei Häppchen fertig geworden. Die ersten beiden Bände waren nicht die schwierigsten, denn sie handelten ja fast nur von Toten oder Kranken. Diese können keinen Widerspruch einlegen, zumal sie meist kinderlos gestorben sind. Andere legen Steine auf deren Grab und stimmen die Klage an. Ich habe sie an anderer Stelle „die Verschollenen“ genannt, sie gingen alle vor der Zeit aus der Zeit, damit die Älteren ihnen leichter folgen mögen. Sie würden an den Gelben Quellen auf junge Menschen treffen, denen sie von ihren Jugendträumen berichten dürfen.
    Wenn dem denn so ist, daß Häppchen über die Zeit vorgelegt werden, so fühlen wir uns an Laurence Sterne erinnert, der in seinem Roman Tristam Shandy ironisch anmerkte, das Beschreiben eines einzigen Tages verlängere die unbeschriebenen Stunden eines ganzen Jahres, so daß man „dreihundertvierundsechzigmal schneller zu leben als zu schreiben habe“, mit der Folge, daß jemand wie ich „mit jedem Scheiben mehr zu schreiben hat“. Dementsprechend verkürzten sich mir die vorgenommenen Jahrzehnte auf wenige Jahre. Und so eilte ich von Häppchen zu Häppchen, ohne ordentlich zu ermüden. Zum Vorteil zumindest für mich, denn so blieb alles zu bedenken. Hoffentlich ebenfalls zum Gewinn der Leserschaft, die um gehörige Geduld gebeten ist.
    Von den frühen Schönen und somit Gefährdeten scheint nur Marie-Laure verblieben zu sein, die nach gut dreißig Jahren zurückfand zu ihrer und zu meiner verbürgten Welt. Bald sind es fünfzig Jahre, daß der Gedichtband Abgründige Erleuchtung in Peking einen Abschluß fand. Die Malerin verzeiht mir heute die Müdigkeit, die ich ihr zugemutet habe. Doch ihre dunkle Erschöpfung von damals nach dem Besuch des Kirschblütentales ist ihrer hellen Begeisterung gewichen: Nun erinnert sie sich dank der damaligen Verse an herbstliche Persimonen, die sie freundlich in den kaiserlichen Pflaumengarten der Qianlong-Epoche verwiesen hat. So fand sie zu ihrem einst himmlischen Leben aus den zeitweisen irdischen Kellern am Bodensee heraus und schließlich zu ihrer Figur Dreinusshoch, die täglich zwanzig Büchsen Bier und tausend Zigaretten eines Erziehers hinter sich ließ, so daß wir nur noch abwandelnd nachrufen können: Erziehung dem Erzieher einer Waldorfschule.    
Bruder Matthias, der nachsichtig meine Manuskripte auf sachliche Fehler befragt, meinte ängstlich, ob ich nicht eines Tages Klagen vor Gericht zu befürchten habe. Tote beschweren sich nicht, Lebende? Ich habe nichts Böses geschrieben. Ich weiß, daß sich das nicht gehört, obwohl zu keinem Vorteil für die Leserschaft, denn manche Episode muß durch willentliche Auslassung unverständlich erscheinen. Doch wie in einem Roman hat die Figur einer Lebensbeschreibung ebenfalls unvollständig zu bleiben. Trotz aller Eitelkeit und trotz allen Narzissmus – beides wird mir immer wieder von Freunden bescheinigt -, stelle ich mich selber bislang nicht positiv dar, sondern eher als einen Gebrochenen. Mein Glaube an die Vernunft des Menschen ist zerstoben. Ich schreibe dies im maskenfreien Shantou und denke an die tobende Meute daheim, die ansteckungsbereit ihr Ich pflegt. Deutschland, verrecke, habe ich zur Genüge in Berlin gehört. Der andere Teil der Stadt sprach derweil von „Auferstanden aus Ruinen“ und ging unter. Er betrügt sich heute noch, selbst wenn beide Teile auf ihre Weise irgendwie recht hatten.
Irgendwie ähnlich steht es mit ML: In ihrem schönen Alter ist sie auferstanden. Daß sie ihre Depressionen, tiefer als die meinen, überlebt hat, verdankt sie ihrer Kunst, der Malerei, der Illustration, ihren Kinderbüchern. Eine höhere Kraft – vielleicht der Zwerg Dreinusshoch - wird sie beflügelt haben, um ihre langen Abstürze überstehen zu können. Daniels Engel dürfte ihr ebenso geholfen haben, er ist sicherlich einmal aus Rembrandts Bild in ihren Keller am Bodensee herabgestiegen und hat sie gebeten: Geh nicht weiter in die Höhle hinab. Am Tor der Erinnerung erwarten dich Kaki-Früchte. Du hast einst mit dem Schlafenden Buddha unter ihnen gesessen und zu ihnen aufgeschaut, bis sie in deinen Schoß fielen, diese Götterfrüchte.